Wie Genuss heute mehr denn je Platz hat!

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Bei all dem könnte man inzwischen leicht den Eindruck bekommen, mein Leben bestehe aus Zitronenwasser, Kräutertee und einer sehr aufmerksamen Beobachtung meiner Leberwerte.

Keine Sorge.

Ich esse immer noch Kuchen.

Und ich habe auch nicht vor, damit aufzuhören.

Denn bei all dem, was ich in den vergangenen Monaten verändert habe, war mir eines von Anfang an wichtig:

Ich möchte nicht gesund Hundert werden und mich dabei neunundvierzig Jahre lang über mein Essen ärgern.

Genuss gehört für mich zum Leben.

Vielleicht heute sogar mehr als früher.

Der Unterschied ist nur:

Ich versuche, Genuss wieder wirklich als Genuss zu behandeln.

Früher war vieles selbstverständlich geworden.

Süßes nebenbei.

Ein Snack im Vorbeigehen.

Etwas beim Fernsehen.

Noch ein bisschen hiervon.

Noch ein bisschen davon.

Nicht, weil es gerade besonders schön war.

Sondern weil es da war.

Und genau das möchte ich nicht mehr.

Wenn ich heute Kuchen esse, dann möchte ich Kuchen essen.

Einen, den ich wirklich mag.

Nicht irgendein trockenes Stück, nur weil es zufällig auf dem Tisch steht.

Das ist übrigens eine Erkenntnis, die ich gerne dreißig Jahre früher gehabt hätte.

Wie viele mittelmäßige Kalorien hätte ich mir sparen können?

Wenn schon, denn schon.

Ich möchte ein gutes Stück Kuchen.

Mit Kaffee.

Am Tisch.

Und nicht heimlich irgendeinen Keks essen, den ich nicht einmal besonders mag, während ich eigentlich etwas völlig anderes mache.

Vielleicht ist das für mich inzwischen der größte Unterschied zwischen Essen und Genuss.

Genuss braucht Aufmerksamkeit.

Er braucht keinen perfekten Ernährungsplan.

Aber er braucht einen Moment.

Und deshalb versuche ich heute nicht mehr, alles Leckere aus meinem Leben zu verbannen.

Ich möchte nur wieder selbst entscheiden, wann es sich lohnt.

Das gilt auch für Urlaub.

Für Restaurantbesuche.

Für Geburtstage.

Für Weihnachten.

Für all die Situationen, in denen Essen nicht nur Nahrungsaufnahme ist, sondern Erinnerung, Gemeinschaft und Lebensfreude.

Ich möchte dort nicht mit einem inneren Taschenrechner sitzen.

Aber ich möchte auch nicht mehr glauben, dass Genuss automatisch bedeutet, möglichst viel von allem zu essen.

Das ist vielleicht eine der schönsten Veränderungen überhaupt.

Früher dachte ich häufig in Verzicht.

Was darf ich nicht?

Heute frage ich viel öfter:

Was möchte ich wirklich?

Und erstaunlicherweise macht genau diese Frage vieles einfacher.

Denn manchmal lautet die Antwort:

Den Kuchen.

Unbedingt.

Und manchmal lautet sie:

Eigentlich gar nichts.

Beides darf sein.

Meine zweiten fünfzig Jahre sollen schließlich nicht daraus bestehen, ständig irgendetwas wegzulassen.

Sie sollen gut schmecken.

Nur vielleicht ein bisschen bewusster als die ersten.

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