Die eine Gewohnheit, die den Heißhunger verändert hat.

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Da saß ich nun also wie das Kind im Dreck.

Mit schlechten Leberwerten, Bluthochdruck, erhöhtem Cortisol und ungefähr 427 Ideen im Kopf, was ich ab sofort alles anders machen sollte.

Die Überforderung war entsprechend groß.

Schon am zweiten Tag hätte ich das ganze Projekt am liebsten wieder hingeworfen.

Allerdings gab es da einen ziemlich zuverlässigen Motor, der mich weitermachen ließ.

Angst.

Ich wollte auf gar keinen Fall eine nichtalkoholische Fettleber bekommen. Und falls ich bereits eine hatte, wollte ich alles dafür tun, sie wieder loszuwerden.

Kleine Entwarnung an dieser Stelle: Ich habe keine.

Aber das wusste ich damals noch nicht.

Und auch mein erhöhter Cortisolspiegel machte mir ziemlich deutlich, dass noch mehr Stress vermutlich nicht das war, was mein Körper jetzt dringend brauchte.

Was natürlich hervorragend zu meinem ursprünglichen Plan passte, mein gesamtes Leben innerhalb von ungefähr 48 Stunden umzukrempeln.

Also erinnerte ich mich an meinen neuen Vorsatz.

Langsam.

Nicht alles gleichzeitig.

Eine Sache nach der anderen.

Zu meinen Kapseln am Morgen gesellte sich deshalb irgendwann ein Glas Zitronenwasser direkt nach dem Aufstehen. Erst danach, mit etwas Abstand, kam mein erster Kaffee.

Und während ich noch versuchte herauszufinden, was ich überhaupt essen wollte, wann ich essen wollte und welche meiner ungefähr dreihundert neu entdeckten Gesundheitstipps tatsächlich einen Platz in meinem Leben bekommen sollten, kam eine weitere kleine Gewohnheit dazu.

Meine Kapseln mit Mariendistel gehörten inzwischen ebenfalls zu meinem Tagesablauf.

Und dann begann ich mich mit dem Trinken zu beschäftigen.

Was zunächst einmal ausgesprochen einfach klingt.

Wasser trinken.

Wie kompliziert kann das schon sein?

Nun.

Offenbar kompliziert genug, dass ich es jahrelang nicht zuverlässig geschafft hatte.

In meiner Vorstellung sah das natürlich sofort ganz anders aus.

Ich sah Karaffen mit Zitronen.

Frische Minze.

Bittertee.

Wasser mit Gurkenscheiben.

Infused Water in ungefähr sämtlichen Farben des Regenbogens.

Und vermutlich hätte irgendwo noch ein dekorativer Rosmarinzweig aus einem mundgeblasenen Glasgefäß ragen müssen.

Die Realität sah etwas anders aus.

Ich hatte nämlich nichts davon zu Hause.

Außer Wasser.

Mit Kohlensäure.

Ohne Kohlensäure.

Eiswürfeln.

Und Kräutertee.

Mein Pinterest würdiger Wellnessmorgen scheiterte also zunächst an der Vorratshaltung.

Aber wenn es eine Eigenschaft gibt, auf die ich mich bei mir ziemlich gut verlassen kann, dann ist es Pragmatismus.

Also tat ich das, was ich am besten kann.

Ich schrieb eine Einkaufsliste.

Darauf landeten all die Dinge, mit denen ich meine neue Trinkfreude irgendwann noch auf ein völlig neues Niveau heben wollte. Und ich bestellte mir zusätzlich ein Getränk mit Blutorange. Das klang zumindest schon einmal mehr nach Genuss als nach medizinischem Selbstversuch.

Bis all das da war, arbeitete ich mit dem, was ich hatte.

Und so entstand jeden Morgen ein kleines Ritual.

Während ich mein Zitronenwasser schlürfte, als hätte ich gerade persönlich einen neuen Cocktail für die Bar eines Fünfsternehotels erfunden, bereitete ich meine Getränke für den Tag vor.

Einen Liter Kräutertee.

Einen Liter Wasser mit Eiswürfeln.

Und eine große Flasche Mineralwasser.

Nicht besonders spektakulär.

Keine Detox Zeremonie.

Keine hübsche Karaffe mit schwimmenden Himbeeren.

Einfach Getränke.

Aber sie standen da.

Und genau das veränderte etwas.

Denn plötzlich musste ich nicht mehr irgendwann am Nachmittag feststellen, dass ich seit meinem Kaffee am Morgen ungefähr drei Schlucke Flüssigkeit zu mir genommen hatte.

Ich trank.

Regelmäßig.

Über den ganzen Tag verteilt.

Und meine vorbereiteten Getränke wurden zu einer Art Kontrollinstanz.

Nicht unangenehm kontrollierend.

Eher wie eine ziemlich sachliche Freundin, die abends auf die halbvolle Flasche zeigt und sagt:

Du, da wäre übrigens noch was.

Ich musste nichts zählen und keine App führen.

Ich konnte es sehen.

War am Abend alles leer, wusste ich: Heute habe ich genug ans Trinken gedacht.

Stand noch die Hälfte herum, wusste ich ebenfalls Bescheid.

Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Mein Heißhunger wurde weniger.

Nicht über Nacht.

Nicht auf wundersame Weise.

Und ich wachte auch nicht plötzlich eines Morgens als jener Mensch auf, der bei einer Tafel Schokolade nach einem Stück zufrieden sagt: Danke, das reicht mir.

So weit wollen wir die Geschichte nun wirklich nicht treiben.

Aber es war merklich.

Und es war spürbar.

Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine ausgeklügelte Ernährungsstrategie. Ich kochte noch keine besonderen Rezepte, wog nichts ab und hatte meinen idealen Tagesablauf längst noch nicht gefunden.

Ich trank einfach nur regelmäßig.

Und irgendwann begann ich mich zu fragen:

Wie oft hatte ich in den Jahren zuvor eigentlich geglaubt, Hunger zu haben, obwohl mein Körper vielleicht gerade etwas ganz anderes von mir wollte?

Denn eines war inzwischen ziemlich offensichtlich.

Ich hatte vorher ständig das Gefühl gehabt, etwas essen zu müssen.

Und zwar obwohl ich ganz sicher nicht zu wenig gegessen hatte.

Warum das so war und was ich als Nächstes über meinen Hunger gelernt habe, erzähle ich dir morgen.

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