Vor ein paar Monaten hatte ich eine Routineuntersuchung.
Seit ich so deutlich zugenommen hatte, war irgendwann auch Bluthochdruck zu einem Thema in meinem Leben geworden. Wobei ich das zunächst nicht einmal wusste.
Lange Zeit lag ich abends im Bett und hatte das Gefühl, mein Herz würde plötzlich viel zu laut schlagen. Dazu dieses Rauschen in den Ohren. Unangenehm, aber offenbar nicht unangenehm genug, um mich auf die Idee zu bringen, dass mein Blutdruck etwas damit zu tun haben könnte.
Manchmal ist der menschliche Körper ja erstaunlich eindeutig.
Und der Mensch erstaunlich begabt darin, nicht zuzuhören.
Eine 24 Stunden Messung brachte schließlich Klarheit und für meine Hausärztin war die Sache ziemlich schnell entschieden. Ich brauchte ein Medikament.
Nun scheint es Menschen zu geben, die ab einem gewissen Alter relativ gelassen sagen: Gut, dann nehme ich eben morgens eine Tablette.
Ich gehörte nicht dazu.
Für mich war das ein Schock.
Ein ziemlich kurzer allerdings.
Denn selbstverständlich wäre nun der Moment gewesen, an dem ich nach Hause gehe, meine Ernährung grundsätzlich überdenke und mein Leben ändere.
Das wäre aber vermutlich zu einfach gewesen.
Also nahm ich brav meine Tablette und machte ansonsten erst einmal weiter wie bisher.
Bis meine Blutwerte kamen.
Meine Leberwerte waren schlecht.
Nicht ein bisschen schlecht.
Nicht dieses: Wir schauen beim nächsten Mal noch einmal.
Sondern wirklich, wirklich schlecht.
Und damit hatte ich endlich meine Aufmerksamkeit.
Was tut eine moderne Frau, wenn sie von ihrer Ärztin Werte hört, die sie nicht hören möchte?
Natürlich.
Sie fragt Dr. Google.
Ein Vorgehen, das bekanntlich immer hervorragend geeignet ist, um sich innerhalb kürzester Zeit vollkommen zu beruhigen.
Ich las.
Und las.
Und landete von einer Seite auf der nächsten.
Manches war nachvollziehbar, manches abenteuerlich und manches klang so, als müsste ich eigentlich nur noch morgens bei Vollmond barfuß drei Runden um einen Selleriestängel laufen.
Aber egal, welchem Weg ich folgte, irgendwann landete ich wieder bei einem Thema, das ich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr besonders charmant fand.
Meinem Gewicht.
Also beschloss ich, etwas zu verändern.
Ich verzichtete zunächst auf Alkohol und Zucker.
Alkohol war erstaunlich einfach. Ich habe ohnehin nie besonders viel getrunken und konnte ziemlich entspannt darauf verzichten.
Zucker war eine andere Geschichte.
Eine sehr andere Geschichte.
An einem Stück Torte vorbeizugehen fühlte sich plötzlich nicht mehr nach einer völlig normalen Entscheidung eines erwachsenen Menschen an, sondern nach einer Prüfung meines gesamten Charakters.
Mein Kopf dröhnte, ich war unleidlich und mein Körper schien ernsthaft davon überzeugt zu sein, dass ein Leben ohne Zucker möglicherweise gar kein Leben mehr sei.
Und natürlich blieb es nicht beim Zucker.
Denn wer einmal anfängt, sich im Internet mit dem Thema Gesundheit zu beschäftigen, weiß, was als Nächstes passiert.
Plötzlich begegnen einem Bitterstoffe.
Mariendistel.
Selleriesaft.
Zitronenwasser.
Heavy Metal Detox Smoothies.
Und ungefähr 37 Dinge, die man möglichst morgens direkt nach dem Aufstehen tun soll.
Idealerweise noch bevor man atmet.
Mein Problem war allerdings gar nicht, dass ich zu wenig darüber wusste, was ich alles machen könnte.
Mein Problem war viel banaler.
Ich musste mich am nächsten Morgen noch daran erinnern.
Das klingt lächerlich.
Aber genau an dieser Stelle sind vermutlich schon erstaunlich viele meiner guten Vorsätze eines stillen Todes gestorben.
Abends kann ich nämlich ganz hervorragend ein neuer Mensch werden.
Ab morgen trinke ich mehr Wasser.
Ab morgen esse ich gesund.
Ab morgen nehme ich meine Kapseln.
Ab morgen mache ich Sport.
Ab morgen trinke ich Zitronenwasser.
Ab morgen meditiere ich.
Der Mensch, der diese Pläne abends schmiedet, ist hoch motiviert, vernünftig und fest davon überzeugt, dass nun endgültig ein neues Zeitalter beginnt.
Der Mensch, der morgens verschlafen in die Küche läuft und als Erstes Kaffee sucht, kennt diese Frau offenbar nicht.
Und irgendwann begriff ich, dass genau darin vielleicht mein Fehler lag.
Ich hatte Veränderungen immer wie ein großes Renovierungsprojekt behandelt.
Alles raus.
Alles neu.
Und möglichst ab Montag.
Diesmal wollte ich es anders machen.
Leise.
Langsam.
Fast schon unspektakulär.
Ich begann mit einer einzigen Sache.
Direkt nach dem Aufstehen nahm ich meine Kapseln. Darin steckt unter anderem Shatavari, eine Pflanze, deren Namen ich anfangs weder aussprechen noch mir merken konnte, was angesichts meines neuen Projektes zum Thema Vergesslichkeit durchaus eine gewisse Komik hatte.
Aber der Name war auch völlig egal.
Wichtig war nur: morgens aufstehen, Kapseln sehen, nehmen.
Das war alles.
Kein komplett neues Morgenritual.
Keine sieben Punkte Routine.
Kein neues Leben vor acht Uhr.
Nur diese eine Sache.
Und als diese eine Sache irgendwann so selbstverständlich geworden war, dass ich nicht mehr darüber nachdenken musste, kam die nächste dazu.
Manches nach ein paar Tagen.
Manches erst nach ein paar Wochen.
Früher hätte ich das vermutlich für viel zu langsam gehalten.
Heute glaube ich, genau darin lag der Unterschied.
Denn vielleicht scheitern wir mit neuen Gewohnheiten gar nicht immer daran, dass wir zu wenig Disziplin haben.
Vielleicht nehmen wir uns manchmal einfach so viel auf einmal vor, dass unser Gehirn morgens beschließt, die gesamte Angelegenheit vorsichtshalber zu vergessen.
Ich wollte dieses Mal nicht mehr jeden Montag ein neues Leben beginnen.
Ich wollte mir eines bauen, das auch an einem Mittwochmorgen funktioniert, wenn ich schlecht geschlafen habe, keine Lust auf Selbstoptimierung verspüre und einfach nur meinen Kaffee möchte.
Also kam eine kleine Gewohnheit zur nächsten.
Ganz unspektakulär.
Und dann machte ich etwas, das für mich überraschend viel veränderte.
Etwas so Einfaches, dass ich zunächst nicht einmal damit gerechnet hatte.
Und plötzlich war da etwas weg, das mich jahrelang begleitet hatte.
Dieser ständige Heißhunger.
Was ich verändert habe und warum ausgerechnet diese kleine Gewohnheit für mich einen so großen Unterschied gemacht hat, erzähle ich dir morgen.
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