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  • Mein Bauch und ich

    Mein Bauch und ich hatten früher ein ziemlich entspanntes Verhältnis.

    Er war da.

    Ich war da.

    Wir machten kein großes Aufheben darum.

    Dann kamen die Jahre.

    Und irgendwann auch die Wechseljahre.

    Und mein Bauch beschloss offenbar, sich stärker in mein Leben einzubringen.

    Früher nahm ich zu und ab, ohne dass sich eine bestimmte Körperstelle besonders wichtig gemacht hätte.

    Heute scheint mein Körper sehr genaue Vorstellungen davon zu haben, wo zusätzliche Reserven hingehören.

    Nämlich ziemlich zuverlässig in die Körpermitte.

    Man könnte sagen:

    Mein Bauch hat Karriere gemacht.

    Er ist sichtbarer geworden.

    Präsenter.

    Und ganz offensichtlich deutlich selbstbewusster.

    Was mich daran anfangs besonders störte, war gar nicht nur die Zahl auf der Waage.

    Es war dieses Gefühl, meinen eigenen Körper plötzlich anders zu erleben.

    Hosen saßen anders.

    Oberteile fielen anders.

    Und Dinge, die früher selbstverständlich funktionierten, taten es plötzlich nicht mehr.

    Man steht dann vor dem Spiegel und denkt:

    Wann genau ist das passiert?

    Natürlich kennt man die Antwort meistens nicht.

    Denn so etwas geschieht ja nicht über Nacht.

    Es ist eher wie bei einem Zimmer, das langsam voller wird.

    Hier etwas.

    Da etwas.

    Und irgendwann schaut man hinein und fragt sich, warum man plötzlich keinen Platz mehr hat.

    Ich habe lange versucht, meinen Bauch als Problem zu betrachten.

    Als etwas, das weg muss.

    Als Beweis dafür, dass ich nicht diszipliniert genug war.

    Heute versuche ich etwas anderes.

    Ich nehme ihn ernst.

    Nicht in dem Sinne, dass ich ihn großartig finden muss.

    So weit bin ich nicht jeden Tag.

    Aber ich möchte nicht mehr jeden Morgen in einen kleinen Krieg mit meinem Körper ziehen.

    Denn dieser Bauch gehört zu mir.

    Er erzählt auch etwas.

    Von Schwangerschaften.

    Von Jahren.

    Von Stress.

    Von Genuss.

    Von Veränderungen.

    Und ja, auch davon, dass ich in den letzten Jahren mehr gegessen und mich weniger bewegt habe, als mir gutgetan hat.

    Aber er ist nicht mein Feind.

    Das musste ich erst lernen.

    Vielleicht ist das überhaupt eine der schwierigsten Aufgaben beim Älterwerden.

    Nicht ständig zu fragen:

    Wie bekomme ich meinen alten Körper zurück?

    Sondern:

    Wie möchte ich mit diesem Körper heute umgehen?

    Ich möchte meinen Bauch nicht schönreden.

    Aber ich möchte auch nicht mehr so tun, als sei er eine persönliche Niederlage.

    Er ist gerade ein Teil von mir.

    Und während ich daran arbeite, gesünder zu werden, versuche ich gleichzeitig, ihn nicht jeden Tag dafür zu bestrafen, dass er sichtbar ist.

    Wir kannten uns früher anders.

    Stimmt.

    Aber vielleicht müssen wir uns einfach neu kennenlernen.

  • Schlaf, Stress und die Nächte, in denen plötzlich alles anders wurde

    Schlaf war für mich früher etwas ausgesprochen Unspektakuläres.

    Man wurde müde.

    Man ging ins Bett.

    Man schlief.

    Ende der Geschichte.

    Irgendwann änderte sich das.

    Nicht dramatisch.

    Eher schleichend.

    Ich wachte häufiger auf.

    Lag nachts plötzlich wach.

    Manchmal mit Herzklopfen.

    Manchmal mit diesem Gefühl, dass mein Körper müde war, mein Kopf aber offensichtlich eine wichtige Konferenz einberufen hatte.

    Natürlich nachts.

    Wann sonst.

    Dann gingen die Gedanken los.

    Was muss morgen erledigt werden?

    Habe ich diese eine Sache vergessen?

    Warum habe ich gestern eigentlich das gesagt?

    Was ist mit den Kindern?

    Was ist mit der Arbeit?

    Was ist mit mir?

    Und warum denke ich um 3.17 Uhr plötzlich über Dinge nach, die mir tagsüber völlig egal waren?

    Nachts bekommen Probleme ja gerne eine sehr eigene Dramaturgie.

    Tagsüber denkt man:

    Das wird schon.

    Nachts denkt man:

    Vielleicht muss ich mein gesamtes Leben neu ordnen.

    Und irgendwann merkte ich, dass schlechter Schlaf und Stress sich gegenseitig ziemlich zuverlässig verstärkten.

    Ich war müder.

    Dadurch dünnhäutiger.

    Dadurch gestresster.

    Dadurch schlief ich schlechter.

    Ein wirklich hervorragend funktionierender Kreislauf.

    Nur leider in die falsche Richtung.

    Dazu kamen die Wechseljahre.

    Und plötzlich schien mein Körper nachts andere Vorstellungen davon zu haben, was Ruhe eigentlich bedeutet.

    Manchmal war mir zu warm.

    Dann wieder zu kalt.

    Die Decke störte.

    Ohne Decke ging es auch nicht.

    Und irgendwann lag ich da und dachte:

    Früher musste ich nur müde sein.

    Heute brauche ich offenbar perfekte Temperatur, keine Sorgen, einen ruhigen Kopf, vernünftige Hormone und vermutlich noch eine günstige Mondphase.

    Was mich aber am meisten überraschte:

    Wie sehr schlechter Schlaf meinen ganzen nächsten Tag beeinflusste.

    Nicht nur meine Stimmung.

    Auch meinen Hunger.

    Meine Geduld.

    Meine Lust auf Süßes.

    Meine Bereitschaft, mich zu bewegen.

    Und meine Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen.

    Plötzlich verstand ich besser, warum ich nach schlechten Nächten nicht unbedingt Lust auf einen großen Salat mit frischen Kräutern hatte.

    Mein Körper wollte Energie.

    Schnell.

    Am liebsten mit Zucker.

    Und möglichst sofort.

    Früher hätte ich das wahrscheinlich als mangelnde Disziplin abgetan.

    Heute sehe ich darin eher ein Signal.

    Wenn ich schlecht schlafe, ist mein ganzer Tag ein bisschen anfälliger.

    Nicht verloren.

    Aber empfindlicher.

    Und genau deshalb gehört Schlaf heute für mich genauso zu meinem neuen Weg wie Essen und Bewegung.

    Vielleicht sogar mehr, als ich lange wahrhaben wollte.

    Denn man kann seinen Körper schlecht überzeugen, sich zu erholen, während man ihm gleichzeitig jede Nacht die Pause verweigert.

  • Ich esse doch gar nicht mehr als früher. Warum nehme ich trotzdem zu?

    Ich esse doch gar nicht mehr als früher.

    Diesen Satz habe ich mir in den letzten Jahren ziemlich oft gesagt.

    Und vermutlich war er sogar teilweise wahr.

    Ich saß ja nicht plötzlich jeden Abend mit einer Familienpackung Eis auf dem Sofa und hatte beschlossen, meine Ernährung komplett an eine amerikanische Sitcom anzupassen.

    Ich aß.

    Wie früher auch.

    Vielleicht hier etwas mehr.

    Dort ein bisschen öfter.

    Aber doch nicht so viel mehr, dass sich plötzlich zwanzig Kilo erklären ließen.

    Zumindest fühlte es sich für mich so an.

    Und genau das war wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich so lange nicht wirklich hinschauen wollte.

    Denn wenn man das Gefühl hat, gar nicht groß etwas verändert zu haben, wirkt eine deutliche Gewichtszunahme fast ein bisschen unverschämt.

    Als hätte der eigene Körper beschlossen, die Buchhaltung heimlich zu manipulieren.

    Früher konnte ich vieles problemlos wegstecken.

    Ein paar Tage üppiger essen.

    Ein Urlaub.

    Kuchen.

    Abendessen.

    Später noch etwas Süßes.

    Mein Gewicht reagierte darauf erstaunlich gelassen.

    Dann kam irgendwann dieser Moment, an dem dieselben Dinge plötzlich andere Folgen hatten.

    Und ich dachte zunächst:

    Das kann doch nicht sein.

    Vielleicht ist die Waage kaputt.

    Vielleicht sitzt die Jeans komisch.

    Vielleicht ist das Wasser.

    Vielleicht sind es Hormone.

    Vielleicht ist heute einfach kein guter Wiegetag.

    Der Mensch ist ausgesprochen erfinderisch, wenn es darum geht, unangenehme Wahrheiten etwas nach hinten zu schieben.

    Bei mir kam noch etwas dazu.

    Die Wechseljahre kündigten sich an.

    Nicht mit einem offiziellen Schreiben.

    Eher mit kleinen Veränderungen, die man zunächst wunderbar ignorieren konnte.

    Der Schlaf wurde schlechter.

    Stress fühlte sich anders an.

    Mein Körper speicherte Gewicht plötzlich an Stellen, die früher nicht besonders ambitioniert gewesen waren.

    Und meine bewährte Strategie, einfach einmal ein paar Tage weniger zu essen, beeindruckte ihn ungefähr so sehr wie eine höfliche Beschwerde beim Wetter.

    Nämlich gar nicht.

    Das war neu für mich.

    Und ehrlich gesagt auch ziemlich beleidigend.

    Denn ich hatte mich jahrzehntelang darauf verlassen können, dass mein Körper auf meine alten Tricks reagiert.

    Nun tat er es nicht mehr.

    Irgendwann musste ich mir deshalb eine andere Frage stellen.

    Nicht:

    Warum funktioniert mein Körper nicht mehr wie früher?

    Sondern:

    Warum erwarte ich eigentlich, dass er mit über fünfzig noch genauso funktioniert wie mit fünfunddreißig?

    Das klingt im Nachhinein ziemlich logisch.

    In dem Moment fühlte es sich trotzdem ein bisschen wie Verrat an.

    Denn niemand hatte mir gesagt, dass man irgendwann nicht nur neue Lesebrillen braucht, sondern offenbar auch eine neue Bedienungsanleitung für den eigenen Stoffwechsel.

    Heute versuche ich deshalb weniger darüber nachzudenken, was früher problemlos ging.

    Mich interessiert viel mehr:

    Was funktioniert für mich heute?

    Denn vielleicht ist genau das der Punkt.

    Mein Körper macht nicht plötzlich alles falsch.

    Er macht nur nicht mehr alles so wie früher.

    Und offenbar bin ich diejenige, die sich jetzt an die neuen Geschäftsbedingungen gewöhnen muss.

  • Wie Genuss heute mehr denn je Platz hat!

    Bei all dem könnte man inzwischen leicht den Eindruck bekommen, mein Leben bestehe aus Zitronenwasser, Kräutertee und einer sehr aufmerksamen Beobachtung meiner Leberwerte.

    Keine Sorge.

    Ich esse immer noch Kuchen.

    Und ich habe auch nicht vor, damit aufzuhören.

    Denn bei all dem, was ich in den vergangenen Monaten verändert habe, war mir eines von Anfang an wichtig:

    Ich möchte nicht gesund Hundert werden und mich dabei neunundvierzig Jahre lang über mein Essen ärgern.

    Genuss gehört für mich zum Leben.

    Vielleicht heute sogar mehr als früher.

    Der Unterschied ist nur:

    Ich versuche, Genuss wieder wirklich als Genuss zu behandeln.

    Früher war vieles selbstverständlich geworden.

    Süßes nebenbei.

    Ein Snack im Vorbeigehen.

    Etwas beim Fernsehen.

    Noch ein bisschen hiervon.

    Noch ein bisschen davon.

    Nicht, weil es gerade besonders schön war.

    Sondern weil es da war.

    Und genau das möchte ich nicht mehr.

    Wenn ich heute Kuchen esse, dann möchte ich Kuchen essen.

    Einen, den ich wirklich mag.

    Nicht irgendein trockenes Stück, nur weil es zufällig auf dem Tisch steht.

    Das ist übrigens eine Erkenntnis, die ich gerne dreißig Jahre früher gehabt hätte.

    Wie viele mittelmäßige Kalorien hätte ich mir sparen können?

    Wenn schon, denn schon.

    Ich möchte ein gutes Stück Kuchen.

    Mit Kaffee.

    Am Tisch.

    Und nicht heimlich irgendeinen Keks essen, den ich nicht einmal besonders mag, während ich eigentlich etwas völlig anderes mache.

    Vielleicht ist das für mich inzwischen der größte Unterschied zwischen Essen und Genuss.

    Genuss braucht Aufmerksamkeit.

    Er braucht keinen perfekten Ernährungsplan.

    Aber er braucht einen Moment.

    Und deshalb versuche ich heute nicht mehr, alles Leckere aus meinem Leben zu verbannen.

    Ich möchte nur wieder selbst entscheiden, wann es sich lohnt.

    Das gilt auch für Urlaub.

    Für Restaurantbesuche.

    Für Geburtstage.

    Für Weihnachten.

    Für all die Situationen, in denen Essen nicht nur Nahrungsaufnahme ist, sondern Erinnerung, Gemeinschaft und Lebensfreude.

    Ich möchte dort nicht mit einem inneren Taschenrechner sitzen.

    Aber ich möchte auch nicht mehr glauben, dass Genuss automatisch bedeutet, möglichst viel von allem zu essen.

    Das ist vielleicht eine der schönsten Veränderungen überhaupt.

    Früher dachte ich häufig in Verzicht.

    Was darf ich nicht?

    Heute frage ich viel öfter:

    Was möchte ich wirklich?

    Und erstaunlicherweise macht genau diese Frage vieles einfacher.

    Denn manchmal lautet die Antwort:

    Den Kuchen.

    Unbedingt.

    Und manchmal lautet sie:

    Eigentlich gar nichts.

    Beides darf sein.

    Meine zweiten fünfzig Jahre sollen schließlich nicht daraus bestehen, ständig irgendetwas wegzulassen.

    Sie sollen gut schmecken.

    Nur vielleicht ein bisschen bewusster als die ersten.

  • Intervallfasten 16/8: Warum mir plötzlich überall dieselbe Zahl begegnete

    Je mehr ich über Leberwerte, Ernährung und Gewicht las, desto häufiger begegnete mir eine Botschaft:

    Abnehmen.

    Nicht besonders originell.

    Und ehrlich gesagt auch nicht unbedingt das, was ich hören wollte.

    Aber egal, ob ich Bücher las, Beiträge schaute oder mich durch Sendungen wie die Ernährungs Docs arbeitete, immer wieder ging es darum, dass Gewichtsreduktion bei bestimmten Stoffwechselproblemen und einer verfetteten Leber eine Rolle spielen kann.

    Und irgendwann tauchten dabei ständig dieselben zwei Zahlen auf.

    16 und 8.

    16 Stunden nichts essen.

    8 Stunden essen.

    Intervallfasten.

    Ich weiß nicht, ob du das kennst: Sobald man sich einmal mit einem Thema beschäftigt, scheint es plötzlich überall aufzutauchen.

    Ein bisschen wie in der Schwangerschaft.

    Kaum ist man selbst schwanger, sieht man plötzlich überall Bäuche, Kinderwagen und Frauen, bei denen man sich fragt, wie einem all das vorher eigentlich entgehen konnte.

    Bei mir waren es plötzlich 16 und 8.

    In Büchern.

    In Artikeln.

    Bei Ernährungsexperten.

    Gefühlt wahrscheinlich auch noch auf der Rückseite meiner Stromrechnung.

    Und natürlich dachte ich zuerst:

    Sechzehn Stunden nichts essen?

    Sehr lustig.

    Ich war zu diesem Zeitpunkt noch die Frau, die vorsichtshalber etwas aß, bevor sie überhaupt Hunger bekommen konnte.

    Aber gleichzeitig fand ich den Gedanken zunehmend interessant.

    Nicht nur wegen des Gewichts.

    Sondern weil ich angefangen hatte zu begreifen, wie oft ich eigentlich aß.

    Morgens.

    Zwischendurch.

    Mittags.

    Noch einmal zwischendurch.

    Abends.

    Und wenn irgendwo zufällig etwas Leckeres herumstand, selbstverständlich auch außerhalb jeder offiziellen Mahlzeit.

    Mein Verdauungssystem hatte vermutlich seit Jahren Öffnungszeiten wie eine Tankstelle.

    24 Stunden.

    Kein Ruhetag.

    Und nun sollte ich diesem ganzen Betrieb plötzlich sechzehn Stunden Pause gönnen.

    Die Vorstellung hatte etwas.

    Auch wenn mein erster Gedanke vermutlich eher war:

    Wann genau soll ich denn dann meinen Kuchen essen?

    Also begann ich zu rechnen.

    Nicht besonders kompliziert.

    Wenn ich abends gegen 18 Uhr das letzte Mal esse, darf ich am nächsten Morgen gegen 10 Uhr wieder frühstücken.

    Das klang schon deutlich weniger dramatisch.

    Vor allem, weil ein großer Teil dieser sechzehn Stunden ohnehin aus Schlaf bestand.

    Und schlafen kann ich erstaunlich gut, ohne dabei zu essen.

    Damit hatte ich also schon einmal einen Vorteil.

    Natürlich wäre es wieder typisch für mich gewesen, sofort sämtliche Mahlzeiten neu zu planen, die Küche umzusortieren und eine Excel Tabelle über meine zukünftigen Essenszeiten anzulegen.

    Diesmal tat ich das nicht.

    Ich probierte es einfach aus.

    Langsam.

    Ohne großes Versprechen.

    Und vor allem ohne mir einzureden, dass ich jetzt für den Rest meines Lebens um Punkt 18 Uhr den letzten Bissen kauen müsste.

    Denn genau diese Alles oder Nichts Regeln waren schließlich das, woran ich vorher so oft gescheitert war.

    Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt.

    Wie mein Hunger reagiert.

    Ob ich morgens tatsächlich verhungere.

    Spoiler:

    Tat ich nicht.

    Aber darüber erzähle ich dir morgen.

  • Gesund essen funktionierte bei mir lange nur unter Idealbedingungen

    Ich konnte gesund essen.

    Das war nie das Problem.

    Ich konnte sogar sehr gesund essen.

    Monatelang.

    Vollwertig kochen.

    Vollwertig backen.

    Snacks selbst machen.

    Süßigkeiten selbst machen.

    Im Grunde fehlte nur noch, dass ich morgens die Haferflocken persönlich vom Feld hole, bevor ich sie selbstverständlich selbst frisch flockte.

    Ist klar, oder?

    Und eine Zeit lang funktionierte das erstaunlich gut.

    Bis Urlaub kam.

    Urlaub war bei mir zuverlässig die Stelle, an der aus einer guten Routine plötzlich ein archäologischer Fund wurde.

    Man wusste, dass sie einmal existiert hatte.

    Aber niemand konnte mehr genau sagen, wo sie geblieben war.

    Ähnlich war es in persönlichen Krisen.

    Solange mein Alltag planbar war, konnte ich sehr konsequent sein.

    Aber sobald zu viele Ausnahmen kamen, wurde aus einer Ausnahme sehr schnell eine zweite.

    Dann eine dritte.

    Und irgendwann war ich wieder genau da, wo ich vorher gewesen war.

    Das Problem war nur: Ich hatte lange geglaubt, das sei mangelnde Disziplin.

    Heute sehe ich es anders.

    Mein System war schlicht zu aufwendig.

    Denn gesunde Familienküche für vier Personen ist in der Theorie wunderbar.

    In der Praxis bedeutet sie Einkaufsplanung, Vorratshaltung, Vorbereitung, Kochen, Backen und die ständige Frage, ob irgendjemand von den anderen drei Personen das, was ich gerade mit großer Hingabe produziert habe, überhaupt essen möchte.

    An manchen Tagen fühlte sich meine Küche weniger nach Zuhause und mehr nach einer kleinen Restaurantküche ohne Personal an.

    Nur dass ich gleichzeitig Küchenchefin, Einkauf, Logistik, Spülkraft und Qualitätsmanagement war.

    Und genau dafür hatte ich diesmal weder Zeit noch Kraft.

    Meine schlechten Leberwerte hatten mich zwar wachgerüttelt.

    Aber sie hatten mir nicht plötzlich drei zusätzliche Stunden am Tag geschenkt.

    Und genau da begann ich zu verstehen:

    Eine Ernährungsweise kann noch so gesund sein.

    Wenn sie nur funktioniert, solange ich viel Zeit, viel Energie und perfekte Bedingungen habe, dann ist sie für meinen Alltag vielleicht einfach nicht gut genug.

    Vielleicht war mein Fehler all die Jahre gar nicht, dass ich zu wenig wusste.

    Vielleicht wollte ich immer zu viel auf einmal.

    Zu perfekt.

    Zu aufwendig.

    Zu konsequent.

    Und sobald das echte Leben dazwischenkam, fiel das ganze Kartenhaus zusammen.

    Urlaub.

    Stress.

    Krankheit.

    Familienchaos.

    Zu wenig Zeit.

    Zu wenig Energie.

    Und plötzlich saß ich wieder da und aß irgendetwas, das schnell ging.

    Nicht weil ich es nicht besser wusste.

    Sondern weil mein System nur für Tage gemacht war, an denen ich genügend Kraft hatte, alles vorzubereiten.

    Diesmal wollte ich es anders machen.

    Nicht noch gesünder.

    Sondern einfacher.

    Nicht beeindruckender.

    Sondern alltagstauglicher.

    Nicht so, dass es in einer perfekten Woche funktioniert.

    Sondern so, dass es auch dann noch trägt, wenn das Leben mal wieder seine eigenen Pläne macht.

    Und vielleicht ist genau das am Ende die viel spannendere Frage:

    Nicht, wie gesund ich unter Idealbedingungen essen kann.

    Sondern wie gesund ich essen kann, wenn der Dienstag ganz normal daneben geht.

  • Was ich morgens heute anders mache

    Früher bestand mein Morgen im Wesentlichen aus Kaffee.

    Nicht Wasser.

    Nicht Meditation.

    Nicht fünf Minuten Journaling.

    Nicht irgendeinem kleinen Ritual für Körper und Seele.

    Kaffee.

    Möglichst schnell.

    Möglichst heiß.

    Und wenn mich vorher jemand ansprach, musste er damit rechnen, dass unsere Beziehung einen kleinen Kratzer bekam.

    Heute sieht mein Morgen anders aus.

    Nicht spektakulär anders.

    Ich stehe nicht bei Sonnenaufgang auf, rolle eine Yogamatte aus und begrüße meinen Tag mit einem Lächeln, während irgendwo leise Klangschalen spielen.

    Dafür bin ich schlicht nicht der Typ.

    Aber ich habe ein paar Dinge verändert.

    Langsam.

    Und vor allem so, dass sie auch an einem Dienstag funktionieren, an dem ich schlecht geschlafen habe und niemanden beeindrucken möchte.

    Das Erste, was ich heute mache, ist trinken.

    Bevor der Kaffee kommt.

    Das war für mich tatsächlich eine Umstellung.

    Denn Kaffee war früher kein Getränk.

    Kaffee war ein Grundrecht.

    Heute trinke ich zuerst mein Zitronenwasser.

    Und während ich das tue, bereite ich mir meine Getränke für den Tag vor.

    Kräutertee.

    Wasser.

    Mineralwasser.

    Nichts Besonderes.

    Aber es steht da.

    Und genau das ist für mich der entscheidende Unterschied.

    Ich muss später nicht daran denken.

    Ich habe morgens schon dafür gesorgt.

    Danach kommen meine Kapseln.

    Nicht, weil ich morgens plötzlich hoch diszipliniert bin.

    Sondern weil ich gelernt habe, dass ich neue Gewohnheiten an etwas hängen muss, das ohnehin stattfindet.

    Aufstehen.

    Trinken.

    Kapseln.

    Erst dann Kaffee.

    Kein kompliziertes System.

    Keine App.

    Keine sieben Erinnerungen im Handy.

    Einfach eine Reihenfolge.

    Und irgendwann kommt dann auch mein Frühstück.

    Heute allerdings nicht mehr sofort.

    Denn inzwischen lasse ich meinem Körper über Nacht eine längere Essenspause und frühstücke nach ungefähr 16 Stunden wieder.

    Auch das war für mich zunächst ungewohnt.

    Früher hätte ich vermutlich schon beim Gedanken an sechzehn Stunden ohne Essen vorsorglich einen Snack eingepackt.

    In den ersten beiden Monaten machte ich es mir deshalb so einfach wie möglich.

    Ich löffelte morgens einen Heavy Metal Detox Smoothie.

    Nicht, weil ich morgens plötzlich zu jener Frau geworden war, die mit zwölf Superfoods, drei Pulvern und einem Mixer voller exotischer Zutaten in den Tag startet.

    Sondern weil er einfach war.

    Und weil er mir schmeckte.

    Und ganz ehrlich, wenn man schon beginnt, sein halbes Leben umzustellen, darf wenigstens das Frühstück unkompliziert sein.

    Außerdem begegnete mir dieser Smoothie bei meiner damaligen Recherche immer wieder im Zusammenhang mit Lebergesundheit und Entlastung.

    Ob das alles wirklich so wirkte, wie es im Internet klang, wusste ich nicht.

    Aber zu diesem Zeitpunkt war ich ohnehin in jener Phase, in der ich ungefähr alles las, was die Worte Leber, Detox oder gesund in irgendeiner Reihenfolge enthielt.

    Der Smoothie hatte allerdings einen entscheidenden Vorteil:

    Ich musste morgens nicht überlegen.

    Keine große Auswahl.

    Keine Diskussion mit mir selbst.

    Kein: Was esse ich heute?

    Einfach zubereiten.

    Löffeln.

    Fertig.

    Und genau das passte zu meinem neuen Prinzip.

    Je weniger Entscheidungen ich morgens treffen musste, desto größer war die Chance, dass ich meine neue Routine tatsächlich durchhielt.

    Nach dem Frühstück kommt mein Liter Mineralwasser mit Eiswürfeln, etwas Zitrone und Blutorange.

    Klingt fast wie Urlaub, ist aber schlicht mein Trick, damit ich bis mittags nicht wieder vergesse zu trinken.

    Und genau das ist eigentlich mein gesamter Morgen heute:

    Nicht perfekt.

    Nicht besonders instagrammable.

    Aber verlässlich.

    Ein paar Dinge, die ich in derselben Reihenfolge mache.

    Jeden Tag.

    Und je länger ich das tue, desto weniger muss ich darüber nachdenken.

    Das ist für mich inzwischen viel wertvoller als jede Motivation.

    Denn Motivation ist wunderbar.

    Aber sie hat leider die unangenehme Angewohnheit, morgens manchmal einfach nicht zu erscheinen.

    Meine Routine schon.

  • Was Zucker mit meinem Kopf gemacht hat

    Ich dachte lange, ich esse Süßigkeiten, weil ich sie mag.

    Was zunächst einmal eine ziemlich einleuchtende Erklärung ist.

    Bis mir irgendwann auffiel, dass ich teilweise Dinge aß, die ich gar nicht besonders mochte.

    Und an diesem Punkt wird es schwierig, weiterhin von Genuss zu sprechen.

    Denn wenn man vor einem Stück Schokolade sitzt, das man eigentlich mittelmäßig findet, es trotzdem isst und anschließend noch überlegt, ob irgendwo vielleicht etwas Besseres herumliegt, dann muss man sich irgendwann eine unangenehme Frage stellen:

    Geht es hier wirklich noch um Geschmack?

    Oder einfach nur darum, dass es süß ist?

    Bei mir war es offensichtlich Letzteres häufiger, als ich zugeben wollte.

    Zucker hatte irgendwann diese merkwürdige Fähigkeit bekommen, sich in erstaunlich viele Situationen einzumischen.

    Stress?

    Etwas Süßes.

    Müde?

    Etwas Süßes.

    Schlechter Tag?

    Ganz eindeutig etwas Süßes.

    Guter Tag?

    Den könnte man schließlich ebenfalls mit etwas Süßem feiern.

    Und irgendwann merkt man, dass Zucker ein bisschen wie dieser Bekannte ist, der bei jeder Gelegenheit auftaucht, obwohl man ihn gar nicht eingeladen hat.

    Als ich begann, ihn wegzulassen, wurde mir erst bewusst, wie laut dieses Verlangen eigentlich war.

    Nicht nur körperlich.

    Vor allem in meinem Kopf.

    Plötzlich dachte ich viel öfter über Süßes nach, als ich jemals gedacht hatte, über Süßes nachzudenken.

    Und das Faszinierende war:

    Ich vermisste nicht einmal etwas Bestimmtes.

    Ich wollte einfach irgendetwas.

    Hauptsache süß.

    Genau da begann ich zum ersten Mal zu verstehen, dass mein Problem vielleicht gar nicht darin bestand, dass ich zu gerne Kuchen esse.

    Kuchen liebe ich nämlich nach wie vor.

    Mein Problem war eher, dass mein Kopf aus sehr vielen Situationen automatisch eine Gelegenheit zum Essen gemacht hatte.

    Und Stress war dabei ein besonders zuverlässiger Auslöser.

    Was praktisch war.

    Denn erhöhtes Cortisol hatte ich schließlich ohnehin schon.

    Mein Körper und ich waren also hervorragend darin, Probleme im Team zu organisieren.

    Und weil Stress inzwischen ohnehin eine Hauptrolle in meinem Leben spielte, zog auch Ashwagandha bei mir ein.

    Allein der Name klang schon so, als müsste ich dafür eigentlich morgens auf einem Berg sitzen und sehr gelassen in die Ferne schauen.

    Die Realität war weniger spektakulär.

    Ich nahm meine Kapseln und versuchte weiterhin, mein Leben nicht innerhalb von 48 Stunden komplett zu sanieren.

    Denn genau das war ja mein neues Projekt.

    Nicht alles gleichzeitig.

    Nicht jeden Morgen als optimierte Version meiner selbst aufwachen wollen.

    Nicht fünfzehn neue Regeln aufstellen und sich am dritten Tag wundern, warum man schon wieder keine Lust mehr darauf hat.

    Sondern beobachten.

    Verstehen.

    Und möglichst nicht jedes Gefühl sofort mit Essen beantworten.

    Das war für mich überraschend schwer.

    Denn Süßes war eben nicht nur Süßes.

    Es war Pause.

    Belohnung.

    Trost.

    Beschäftigung.

    Manchmal auch einfach ein kleiner Moment von: Jetzt ist mir alles egal.

    Und genau deshalb war es so aufschlussreich zu merken, dass ich teilweise Dinge aß, die ich nicht einmal besonders lecker fand.

    Denn wenn Genuss nicht mehr der eigentliche Grund ist, lohnt es sich vielleicht, etwas genauer hinzuschauen.

    Was brauche ich gerade wirklich?

    Ruhe?

    Eine Pause?

    Schlaf?

    Abstand?

    Oder einfach nur fünf Minuten, in denen niemand etwas von mir will?

    Ich hatte lange versucht, diese Frage mit Essen zu beantworten.

    Und Zucker war darin ausgesprochen überzeugend.

    Schnell.

    Verfügbar.

    Zuverlässig.

    Und meistens sofort zur Stelle.

    Nur leider beantwortete er die eigentliche Frage nicht.

    Je länger ich darauf verzichtete, desto deutlicher wurde mir, dass mein Verlangen nicht nur mit Geschmack zu tun hatte.

    Es war Gewohnheit.

    Es war Stress.

    Es war Ritual.

    Und manchmal war es einfach mein Kopf, der sehr laut nach etwas verlangte, was er jahrelang zuverlässig bekommen hatte.

    Vielleicht war genau das die überraschendste Erkenntnis:

    Ich musste Zucker gar nicht hassen.

    Ich musste nur aufhören, ihm so viele Aufgaben zu geben.

    Er musste nicht mein Trost sein.

    Nicht meine Pause.

    Nicht meine Belohnung.

    Und auch nicht mein Mittel gegen einen schlechten Tag.

    Kuchen durfte Kuchen bleiben.

    Und genau das fand ich plötzlich ziemlich befreiend.

  • Warum ich vorher ständig Hunger hatte, obwohl ich genug gegessen habe.

    Ich hatte also weniger Heißhunger.

    Was schon einmal ausgesprochen erfreulich war.

    Aber während ich begann, meinen Körper etwas genauer zu beobachten, fiel mir etwas anderes auf.

    Ich hatte erstaunlich oft Hunger.

    Oder zumindest nannte ich es Hunger.

    Morgens Kaffee und irgendetwas dazu.

    Später eine Kleinigkeit.

    Mittags essen.

    Danach vielleicht etwas Süßes.

    Am Nachmittag könnte man schließlich auch noch einmal schauen, was die Küche so zu bieten hat.

    Und abends natürlich Abendessen.

    Dazwischen diese kleinen Begegnungen mit dem Kühlschrank, bei denen man eigentlich gar nichts Bestimmtes möchte, aber vorsichtshalber trotzdem einmal die Tür öffnet.

    Man weiß ja nie.

    Vielleicht ist seit dem letzten Besuch etwas Neues eingezogen.

    Dabei konnte ich nun wirklich nicht behaupten, dass ich zu wenig gegessen hätte.

    Und genau das begann mich zu beschäftigen.

    War das wirklich Hunger?

    Oder war ich einfach daran gewöhnt, ständig etwas zu essen?

    Vielleicht war Essen für mich längst nicht mehr nur eine Antwort auf Hunger.

    Vielleicht war es Unterhaltung.

    Belohnung.

    Pause.

    Genuss.

    Manchmal Trost.

    Und manchmal schlicht die Tatsache, dass etwas Leckeres da war.

    Und während ich mich noch mit dieser Erkenntnis beschäftigte, begegnete mir im Internet plötzlich überall dieselbe Zahl.

    16 zu 8.

    Intervallfasten.

    Acht Stunden essen.

    Sechzehn Stunden Pause.

    Ein Konzept, das im ersten Moment ungefähr so klang, als hätte jemand beschlossen, mein Verhältnis zur Küche mit Öffnungszeiten zu versehen.

    Und erstaunlicherweise fand ich den Gedanken gleichzeitig völlig absurd und ziemlich interessant.

    Denn wenn ich ständig aß, obwohl ich gar nicht wirklich hungrig war, vielleicht brauchte mein Körper dann gar nicht noch mehr Regeln darüber, was ich essen sollte.

    Vielleicht brauchte er zunächst einfach einmal eine Pause.

    Ob ich mich tatsächlich darauf eingelassen habe und wie gut eine Frau, die ihre guten Vorsätze morgens regelmäßig vergisst, mit sechzehn Stunden ohne Essen zurechtkommt, erzähle ich dir ein anderes Mal.

  • Die eine Gewohnheit, die den Heißhunger verändert hat.

    Da saß ich nun also wie das Kind im Dreck.

    Mit schlechten Leberwerten, Bluthochdruck, erhöhtem Cortisol und ungefähr 427 Ideen im Kopf, was ich ab sofort alles anders machen sollte.

    Die Überforderung war entsprechend groß.

    Schon am zweiten Tag hätte ich das ganze Projekt am liebsten wieder hingeworfen.

    Allerdings gab es da einen ziemlich zuverlässigen Motor, der mich weitermachen ließ.

    Angst.

    Ich wollte auf gar keinen Fall eine nichtalkoholische Fettleber bekommen. Und falls ich bereits eine hatte, wollte ich alles dafür tun, sie wieder loszuwerden.

    Kleine Entwarnung an dieser Stelle: Ich habe keine.

    Aber das wusste ich damals noch nicht.

    Und auch mein erhöhter Cortisolspiegel machte mir ziemlich deutlich, dass noch mehr Stress vermutlich nicht das war, was mein Körper jetzt dringend brauchte.

    Was natürlich hervorragend zu meinem ursprünglichen Plan passte, mein gesamtes Leben innerhalb von ungefähr 48 Stunden umzukrempeln.

    Also erinnerte ich mich an meinen neuen Vorsatz.

    Langsam.

    Nicht alles gleichzeitig.

    Eine Sache nach der anderen.

    Zu meinen Kapseln am Morgen gesellte sich deshalb irgendwann ein Glas Zitronenwasser direkt nach dem Aufstehen. Erst danach, mit etwas Abstand, kam mein erster Kaffee.

    Und während ich noch versuchte herauszufinden, was ich überhaupt essen wollte, wann ich essen wollte und welche meiner ungefähr dreihundert neu entdeckten Gesundheitstipps tatsächlich einen Platz in meinem Leben bekommen sollten, kam eine weitere kleine Gewohnheit dazu.

    Meine Kapseln mit Mariendistel gehörten inzwischen ebenfalls zu meinem Tagesablauf.

    Und dann begann ich mich mit dem Trinken zu beschäftigen.

    Was zunächst einmal ausgesprochen einfach klingt.

    Wasser trinken.

    Wie kompliziert kann das schon sein?

    Nun.

    Offenbar kompliziert genug, dass ich es jahrelang nicht zuverlässig geschafft hatte.

    In meiner Vorstellung sah das natürlich sofort ganz anders aus.

    Ich sah Karaffen mit Zitronen.

    Frische Minze.

    Bittertee.

    Wasser mit Gurkenscheiben.

    Infused Water in ungefähr sämtlichen Farben des Regenbogens.

    Und vermutlich hätte irgendwo noch ein dekorativer Rosmarinzweig aus einem mundgeblasenen Glasgefäß ragen müssen.

    Die Realität sah etwas anders aus.

    Ich hatte nämlich nichts davon zu Hause.

    Außer Wasser.

    Mit Kohlensäure.

    Ohne Kohlensäure.

    Eiswürfeln.

    Und Kräutertee.

    Mein Pinterest würdiger Wellnessmorgen scheiterte also zunächst an der Vorratshaltung.

    Aber wenn es eine Eigenschaft gibt, auf die ich mich bei mir ziemlich gut verlassen kann, dann ist es Pragmatismus.

    Also tat ich das, was ich am besten kann.

    Ich schrieb eine Einkaufsliste.

    Darauf landeten all die Dinge, mit denen ich meine neue Trinkfreude irgendwann noch auf ein völlig neues Niveau heben wollte. Und ich bestellte mir zusätzlich ein Getränk mit Blutorange. Das klang zumindest schon einmal mehr nach Genuss als nach medizinischem Selbstversuch.

    Bis all das da war, arbeitete ich mit dem, was ich hatte.

    Und so entstand jeden Morgen ein kleines Ritual.

    Während ich mein Zitronenwasser schlürfte, als hätte ich gerade persönlich einen neuen Cocktail für die Bar eines Fünfsternehotels erfunden, bereitete ich meine Getränke für den Tag vor.

    Einen Liter Kräutertee.

    Einen Liter Wasser mit Eiswürfeln.

    Und eine große Flasche Mineralwasser.

    Nicht besonders spektakulär.

    Keine Detox Zeremonie.

    Keine hübsche Karaffe mit schwimmenden Himbeeren.

    Einfach Getränke.

    Aber sie standen da.

    Und genau das veränderte etwas.

    Denn plötzlich musste ich nicht mehr irgendwann am Nachmittag feststellen, dass ich seit meinem Kaffee am Morgen ungefähr drei Schlucke Flüssigkeit zu mir genommen hatte.

    Ich trank.

    Regelmäßig.

    Über den ganzen Tag verteilt.

    Und meine vorbereiteten Getränke wurden zu einer Art Kontrollinstanz.

    Nicht unangenehm kontrollierend.

    Eher wie eine ziemlich sachliche Freundin, die abends auf die halbvolle Flasche zeigt und sagt:

    Du, da wäre übrigens noch was.

    Ich musste nichts zählen und keine App führen.

    Ich konnte es sehen.

    War am Abend alles leer, wusste ich: Heute habe ich genug ans Trinken gedacht.

    Stand noch die Hälfte herum, wusste ich ebenfalls Bescheid.

    Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

    Mein Heißhunger wurde weniger.

    Nicht über Nacht.

    Nicht auf wundersame Weise.

    Und ich wachte auch nicht plötzlich eines Morgens als jener Mensch auf, der bei einer Tafel Schokolade nach einem Stück zufrieden sagt: Danke, das reicht mir.

    So weit wollen wir die Geschichte nun wirklich nicht treiben.

    Aber es war merklich.

    Und es war spürbar.

    Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine ausgeklügelte Ernährungsstrategie. Ich kochte noch keine besonderen Rezepte, wog nichts ab und hatte meinen idealen Tagesablauf längst noch nicht gefunden.

    Ich trank einfach nur regelmäßig.

    Und irgendwann begann ich mich zu fragen:

    Wie oft hatte ich in den Jahren zuvor eigentlich geglaubt, Hunger zu haben, obwohl mein Körper vielleicht gerade etwas ganz anderes von mir wollte?

    Denn eines war inzwischen ziemlich offensichtlich.

    Ich hatte vorher ständig das Gefühl gehabt, etwas essen zu müssen.

    Und zwar obwohl ich ganz sicher nicht zu wenig gegessen hatte.

    Warum das so war und was ich als Nächstes über meinen Hunger gelernt habe, erzähle ich dir morgen.