Wenn ich heute zurückdenke, war ich eigentlich immer dünn. Nicht elegant zart oder beneidenswert filigran. Einfach dünn. Meistens hatte ich eher zu wenig als zu viel auf den Rippen.
Essen spielte in meinem Leben lange keine besonders große Rolle. Diesen Genuss, den ich heute mit gutem Essen verbinde, kannte ich damals gar nicht. Ich aß, wenn ich Hunger hatte. Manchmal auch nicht. Und vor allem konnte ich essen, was ich wollte, ohne dass sich auf der Waage besonders viel tat.
Liebeskummer, Prüfungsstress, Trennungen, sogar die Führerscheinprüfung konnten dafür sorgen, dass ich tagelang kaum etwas herunterbekam. Wenn das Leben kompliziert wurde, verschwand mein Appetit einfach.
Vielleicht hatte das auch ein wenig mit der Zeit zu tun, in der ich aufgewachsen bin. Es waren die Achtziger. Niemand kam damals auf die Idee, Kindern zu jeder Tages und Nachtzeit eine Auswahl aus fünf Lieblingsgerichten anzubieten. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Die Vorratsschränke waren überschaubar und wenn man etwas nicht mochte, wartete man eben auf die nächste Mahlzeit.
Dann kam meine erste eigene Wohnung.
Und mit ihr eine wunderbare Erkenntnis: Ich konnte selbst bestimmen, was sich in meinem Kühlschrank befand.
Also sorgte ich dafür, dass immer genug da war. Mehr als genug, wenn ich ehrlich bin. Leckere Dinge, besondere Dinge, meine Lieblingssachen. Anfangs fiel mir das richtige Maß schwer und so wanderte regelmäßig Essen in den Müll, weil meine Vorstellung davon, was ich unbedingt zu Hause haben musste, deutlich größer war als mein tatsächlicher Hunger.
Irgendwann veränderte sich etwas.
Aus dem Gedanken, ich esse besonders viel, wenn es etwas gibt, das mir richtig gut schmeckt, wurde langsam: Ich esse eigentlich nur noch Dinge, die mir richtig gut schmecken.
Und davon gerne ein bisschen mehr.
Und irgendwann noch ein bisschen mehr.
Zum ersten Mal deutlich zugenommen habe ich während meiner ersten Schwangerschaft. Nach der Trennung von meinem ersten Mann war ich allerdings schlanker als jemals zuvor. Auch nach der zweiten und dritten Schwangerschaft fand mein Körper scheinbar mühelos zurück in seine vertrauten Bahnen.
Lebenskrisen kamen und gingen. Probleme mit meinem damaligen Business. Ein jahrelanger, zäher Kampf mit dem Vater meines ältesten Kindes. Sorgen, Stress und diese Phasen, in denen das Leben mehr Kraft verlangt, als man gerade zur Verfügung hat.
Trotzdem pendelte mein Gewicht immer wieder um einen Bereich, mit dem ich mich wohlfühlte.
Dann kamen die ersten Vorboten der Wechseljahre.
Und plötzlich galten andere Regeln.
Offenbar hatte mein Körper irgendwann beschlossen, dass fünfzig Jahre Kulanz wirklich genug seien. Was jahrzehntelang funktioniert hatte, funktionierte nicht mehr. Essen, Gewicht, Schlaf, Stress. Alles schien plötzlich miteinander zu verhandeln, nur mich hatte niemand zu dieser Besprechung eingeladen.
Und ich fragte mich: Wann genau wird aus einem Körper, auf den man sich sein Leben lang verlassen konnte, einer, dessen Bedienungsanleitung man plötzlich neu lesen muss?
Und dann kam Corona.
Was für viele Familien eine furchtbare Zeit war, hatte für uns, so merkwürdig das heute klingen mag, auch etwas von einem Sechser im Lotto. Niemand musste irgendwohin. Keine Termine. Kein ständiges Losfahren. Einmal in der Woche einkaufen und danach die Haustür hinter uns schließen.
Wir hatten Bücher, Spieleabende, Kuchenrezepte und vor allem sehr viel Zeit.
Also machten wir es uns schön.
Vielleicht ein bisschen zu schön.
Süßigkeiten wurden bei der Metro irgendwann nicht mehr in Tüten, sondern gefühlt in Gebinden für mittelständische Unternehmen gekauft. Es wurde gekocht, gebacken und geschlemmt und Bewegung bestand für mich hauptsächlich aus den Spaziergängen mit unserer Golden Retriever Hündin Fee.
Und dann war da noch die Yogahose.
Rückblickend betrachtet vermutlich eine der größten Komplizinnen meines Gewichtszuwachses.
Eine Jeans hätte mich gewarnt. Eine Jeans ist vielleicht nicht besonders feinfühlig, aber sie ist ehrlich. Irgendwann hätte sie gesagt: Mädchen, wir müssen reden.
Die Yogahose sagte nichts.
Sie war weich, verständnisvoll und ausgesprochen anpassungsfähig. Im Grunde die Freundin, die einen auch nach dem dritten Stück Kuchen noch liebevoll ansieht und sagt: Ach komm, eins geht noch.
Monatelang waren wir glücklich miteinander.
Bis ich irgendwann wieder hinaus wollte in die Welt und feststellen musste, dass meine Yogahose und meine Jeans offenbar völlig unterschiedliche Auffassungen von meiner aktuellen Kleidergröße hatten.
Innerhalb der vergangenen fünf Jahre habe ich knapp zwanzig Kilogramm zugenommen.
Und natürlich habe ich versucht, das Problem mit den Methoden zu lösen, die früher immer funktioniert hatten.
Weniger essen.
Sehr wenig essen.
Manchmal am liebsten gar nichts essen.
Früher hätte mein Körper darauf sofort reagiert. Ein paar Tage Disziplin und die Zahl auf der Waage bewegte sich zuverlässig nach unten.
Dieses Mal passierte nichts.
Zumindest nichts von dem, was ich erwartet hatte.
Mein Körper und ich hatten offenbar unterschiedliche Vorstellungen davon, wie unsere jahrzehntelange Zusammenarbeit weitergehen sollte. Ich wollte zurück zu den alten Bedingungen. Er hatte die Verhandlungen längst beendet.
Der Moment, an dem ich wirklich nicht mehr wegsehen konnte, kam schließlich bei einer Routineuntersuchung. Meine Cortisolwerte waren erhöht und auch meine Leberwerte waren deutlich schlechter, als sie sein sollten.
Und plötzlich ging es nicht mehr darum, ob eine Jeans passte.
Es ging um mich.
Um meinen Körper.
Und um die Frage, wie ich eigentlich mit ihm durch die nächsten Jahrzehnte gehen möchte.
Da begriff ich etwas, das vielleicht längst offensichtlich gewesen war.
Die ersten fünfzig Jahre meines Lebens durfte ich essen, worauf ich Lust hatte, ohne mir besonders viele Gedanken darüber zu machen. Mein Körper hatte vieles ausgeglichen, verziehen und irgendwie geregelt.
Für die zweiten fünfzig Jahre brauchen wir offenbar einen neuen Plan.
Aber bitte keinen, bei dem ich hungrig Salatblätter zähle und sehnsüchtig an einem Stück Kuchen vorbeischaue.
Wenn ich eines gelernt habe, dann doch wohl dies: Ich möchte mein Leben genießen.
Also brauche ich eine Strategie, die gesund ist, sich im Alltag umsetzen lässt und trotzdem Platz lässt für gutes Essen, Freude, Genuss und all die kleinen Dinge, für die es sich lohnt, sich an einen Tisch zu setzen.
Vielleicht geht es am Ende nämlich gar nicht darum, wieder die Frau von früher zu werden.
Vielleicht geht es darum herauszufinden, wie die Frau von heute leben möchte.
Wie sie essen möchte.
Wie sie sich fühlen möchte.
Und wie aus Verzicht vielleicht etwas viel Interessanteres werden kann: eine neue Form von Genuss.
Genau davon handelt diese Reise.
Von meinem Körper, der plötzlich andere Regeln aufstellt.
Von Gewohnheiten, die nicht mehr funktionieren.
Von neuen Erkenntnissen, kleinen Erfolgen, vermutlich einigen Rückschlägen und der Suche nach einem Weg, der nicht nur gesund ist, sondern auch nach Leben schmeckt.
Denn wenn schon die zweiten fünfzig Jahre beginnen, dann bitte nicht mit schlechter Laune und leerem Teller.
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