Ich konnte gesund essen.
Das war nie das Problem.
Ich konnte sogar sehr gesund essen.
Monatelang.
Vollwertig kochen.
Vollwertig backen.
Snacks selbst machen.
Süßigkeiten selbst machen.
Im Grunde fehlte nur noch, dass ich morgens die Haferflocken persönlich vom Feld hole, bevor ich sie selbstverständlich selbst frisch flockte.
Ist klar, oder?
Und eine Zeit lang funktionierte das erstaunlich gut.
Bis Urlaub kam.
Urlaub war bei mir zuverlässig die Stelle, an der aus einer guten Routine plötzlich ein archäologischer Fund wurde.
Man wusste, dass sie einmal existiert hatte.
Aber niemand konnte mehr genau sagen, wo sie geblieben war.
Ähnlich war es in persönlichen Krisen.
Solange mein Alltag planbar war, konnte ich sehr konsequent sein.
Aber sobald zu viele Ausnahmen kamen, wurde aus einer Ausnahme sehr schnell eine zweite.
Dann eine dritte.
Und irgendwann war ich wieder genau da, wo ich vorher gewesen war.
Das Problem war nur: Ich hatte lange geglaubt, das sei mangelnde Disziplin.
Heute sehe ich es anders.
Mein System war schlicht zu aufwendig.
Denn gesunde Familienküche für vier Personen ist in der Theorie wunderbar.
In der Praxis bedeutet sie Einkaufsplanung, Vorratshaltung, Vorbereitung, Kochen, Backen und die ständige Frage, ob irgendjemand von den anderen drei Personen das, was ich gerade mit großer Hingabe produziert habe, überhaupt essen möchte.
An manchen Tagen fühlte sich meine Küche weniger nach Zuhause und mehr nach einer kleinen Restaurantküche ohne Personal an.
Nur dass ich gleichzeitig Küchenchefin, Einkauf, Logistik, Spülkraft und Qualitätsmanagement war.
Und genau dafür hatte ich diesmal weder Zeit noch Kraft.
Meine schlechten Leberwerte hatten mich zwar wachgerüttelt.
Aber sie hatten mir nicht plötzlich drei zusätzliche Stunden am Tag geschenkt.
Und genau da begann ich zu verstehen:
Eine Ernährungsweise kann noch so gesund sein.
Wenn sie nur funktioniert, solange ich viel Zeit, viel Energie und perfekte Bedingungen habe, dann ist sie für meinen Alltag vielleicht einfach nicht gut genug.
Vielleicht war mein Fehler all die Jahre gar nicht, dass ich zu wenig wusste.
Vielleicht wollte ich immer zu viel auf einmal.
Zu perfekt.
Zu aufwendig.
Zu konsequent.
Und sobald das echte Leben dazwischenkam, fiel das ganze Kartenhaus zusammen.
Urlaub.
Stress.
Krankheit.
Familienchaos.
Zu wenig Zeit.
Zu wenig Energie.
Und plötzlich saß ich wieder da und aß irgendetwas, das schnell ging.
Nicht weil ich es nicht besser wusste.
Sondern weil mein System nur für Tage gemacht war, an denen ich genügend Kraft hatte, alles vorzubereiten.
Diesmal wollte ich es anders machen.
Nicht noch gesünder.
Sondern einfacher.
Nicht beeindruckender.
Sondern alltagstauglicher.
Nicht so, dass es in einer perfekten Woche funktioniert.
Sondern so, dass es auch dann noch trägt, wenn das Leben mal wieder seine eigenen Pläne macht.
Und vielleicht ist genau das am Ende die viel spannendere Frage:
Nicht, wie gesund ich unter Idealbedingungen essen kann.
Sondern wie gesund ich essen kann, wenn der Dienstag ganz normal daneben geht.
Schreibe einen Kommentar