Ich dachte lange, ich esse Süßigkeiten, weil ich sie mag.
Was zunächst einmal eine ziemlich einleuchtende Erklärung ist.
Bis mir irgendwann auffiel, dass ich teilweise Dinge aß, die ich gar nicht besonders mochte.
Und an diesem Punkt wird es schwierig, weiterhin von Genuss zu sprechen.
Denn wenn man vor einem Stück Schokolade sitzt, das man eigentlich mittelmäßig findet, es trotzdem isst und anschließend noch überlegt, ob irgendwo vielleicht etwas Besseres herumliegt, dann muss man sich irgendwann eine unangenehme Frage stellen:
Geht es hier wirklich noch um Geschmack?
Oder einfach nur darum, dass es süß ist?
Bei mir war es offensichtlich Letzteres häufiger, als ich zugeben wollte.
Zucker hatte irgendwann diese merkwürdige Fähigkeit bekommen, sich in erstaunlich viele Situationen einzumischen.
Stress?
Etwas Süßes.
Müde?
Etwas Süßes.
Schlechter Tag?
Ganz eindeutig etwas Süßes.
Guter Tag?
Den könnte man schließlich ebenfalls mit etwas Süßem feiern.
Und irgendwann merkt man, dass Zucker ein bisschen wie dieser Bekannte ist, der bei jeder Gelegenheit auftaucht, obwohl man ihn gar nicht eingeladen hat.
Als ich begann, ihn wegzulassen, wurde mir erst bewusst, wie laut dieses Verlangen eigentlich war.
Nicht nur körperlich.
Vor allem in meinem Kopf.
Plötzlich dachte ich viel öfter über Süßes nach, als ich jemals gedacht hatte, über Süßes nachzudenken.
Und das Faszinierende war:
Ich vermisste nicht einmal etwas Bestimmtes.
Ich wollte einfach irgendetwas.
Hauptsache süß.
Genau da begann ich zum ersten Mal zu verstehen, dass mein Problem vielleicht gar nicht darin bestand, dass ich zu gerne Kuchen esse.
Kuchen liebe ich nämlich nach wie vor.
Mein Problem war eher, dass mein Kopf aus sehr vielen Situationen automatisch eine Gelegenheit zum Essen gemacht hatte.
Und Stress war dabei ein besonders zuverlässiger Auslöser.
Was praktisch war.
Denn erhöhtes Cortisol hatte ich schließlich ohnehin schon.
Mein Körper und ich waren also hervorragend darin, Probleme im Team zu organisieren.
Und weil Stress inzwischen ohnehin eine Hauptrolle in meinem Leben spielte, zog auch Ashwagandha bei mir ein.
Allein der Name klang schon so, als müsste ich dafür eigentlich morgens auf einem Berg sitzen und sehr gelassen in die Ferne schauen.
Die Realität war weniger spektakulär.
Ich nahm meine Kapseln und versuchte weiterhin, mein Leben nicht innerhalb von 48 Stunden komplett zu sanieren.
Denn genau das war ja mein neues Projekt.
Nicht alles gleichzeitig.
Nicht jeden Morgen als optimierte Version meiner selbst aufwachen wollen.
Nicht fünfzehn neue Regeln aufstellen und sich am dritten Tag wundern, warum man schon wieder keine Lust mehr darauf hat.
Sondern beobachten.
Verstehen.
Und möglichst nicht jedes Gefühl sofort mit Essen beantworten.
Das war für mich überraschend schwer.
Denn Süßes war eben nicht nur Süßes.
Es war Pause.
Belohnung.
Trost.
Beschäftigung.
Manchmal auch einfach ein kleiner Moment von: Jetzt ist mir alles egal.
Und genau deshalb war es so aufschlussreich zu merken, dass ich teilweise Dinge aß, die ich nicht einmal besonders lecker fand.
Denn wenn Genuss nicht mehr der eigentliche Grund ist, lohnt es sich vielleicht, etwas genauer hinzuschauen.
Was brauche ich gerade wirklich?
Ruhe?
Eine Pause?
Schlaf?
Abstand?
Oder einfach nur fünf Minuten, in denen niemand etwas von mir will?
Ich hatte lange versucht, diese Frage mit Essen zu beantworten.
Und Zucker war darin ausgesprochen überzeugend.
Schnell.
Verfügbar.
Zuverlässig.
Und meistens sofort zur Stelle.
Nur leider beantwortete er die eigentliche Frage nicht.
Je länger ich darauf verzichtete, desto deutlicher wurde mir, dass mein Verlangen nicht nur mit Geschmack zu tun hatte.
Es war Gewohnheit.
Es war Stress.
Es war Ritual.
Und manchmal war es einfach mein Kopf, der sehr laut nach etwas verlangte, was er jahrelang zuverlässig bekommen hatte.
Vielleicht war genau das die überraschendste Erkenntnis:
Ich musste Zucker gar nicht hassen.
Ich musste nur aufhören, ihm so viele Aufgaben zu geben.
Er musste nicht mein Trost sein.
Nicht meine Pause.
Nicht meine Belohnung.
Und auch nicht mein Mittel gegen einen schlechten Tag.
Kuchen durfte Kuchen bleiben.
Und genau das fand ich plötzlich ziemlich befreiend.
Schreibe einen Kommentar